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Als Moblogger auf Littlebrother traf – oder die Art, wie neue Kommunikationstechnologien das Verhalten beeinflussen
Neue Kommunikationstechnologien stellen den Leuten die nötigen Werkzeuge zur Verfügung, um sich Gehör zu verschaffen und einen öffentlichen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten. Sie beeinflussen auch die Art, wie wir unser tägliches Leben gestalten und miteinander umgehen. Könnte es sein, dass wir uns befangener benehmen, weil wir uns der Präsenz der Kommunikationstechnologien um uns herum bewusst sind? |
Mitte Oktober hat der nationale dänische Fernsehsender TV2 die Website „1234 – Eure Nachrichten“ ins Leben gerufen. ZuschauerInnen können ihre eigenen Fotos, Videos und Texte einschicken. „Wir konzentrieren uns auf eure Geschichten, der Sender für Sie, wenn die Krankenpflege zusammenbricht, die Hauptstraße lebensgefährlich ist oder die Bücher in der Schule Ihres Kindes von vor dem Fall der Berliner Mauer stammen…“, so lautet die Pressemitteilung von TV2 zum Start der neuen Site.
Nach wenigen Stunden nur wurden bereits Videos und Bilder von dänischen BürgerInnen auf die Website hochgeladen, darunter das Foto eines auf frischer Tat ertappten Diebes und der Auftritt eines Bürgermeisters in einer Revue. Es handelte sich dabei meist um körnige Fotos und Videos, wie wir sie so gut von anderen Websites mit von BenutzerInnen erzeugtem Material wie Youtube oder MySpace kennen – Bilder, die mit dem Gerät aufgezeichnet wurden, ohne das wir nicht leben können: Die Kamera des Mobiltelefons.
Moblogger oder Littlebrother? Laut TV2 entstand die Website in Erwiderung auf das zunehmende Interesse der dänischen BürgerInnen, Bilder und Videos der Nachrichten aus ihrem Blickwinkel einzusenden. Dies ist ein Symptom einer neuen Form der „Offenen Gesellschaft“, verstärkt durch die Verbreitung von Technologien wie dem Mobiltelefon mit Kamera, in der jeder teilnehmen und aktiv sein möchte. Wie beeinflusst diese „verstärkte Offenheit“ jedoch unser Verhalten?
Man könnte behaupten, dass die Überwachung mit der Einführung des Internets und natürlich des 3G-Mobiltelefons dezentralisiert wurde und jetzt in den Händen des/der durchschnittlichen Bürgers/in liegt, der oder die es als seine/ihre Pflicht ansieht, die Normen einer bestimmten Gesellschaft oder Kultur zu bewahren. Auf der dänischen Website Kriminelle.dk zum Beispiel laden anonyme Personen Bilder der Verkehrsdelikte anderer Kopenhagener BürgerInnen in den Straßen Kopenhagens hoch, wie beispielsweise das Überqueren der Straße bei roter Ampel oder das Fahrradfahren auf dem Bürgersteig.
Die ‘Überwachungskamera’ verfügt über Millionen kleiner ‘Überwachungskumpel’ in der Form von BürgerInnen mit aufnahmebereiten Mobiltelefonen mit Kamera. All die kleinen „öffentlichen Einblicke“ in unser tägliches Leben werden gelagert und über das Internet verfolgbar gemacht. Wer hat zum Beispiel noch nicht versucht, Informationen über neue Kollegen oder Freunde zu finden? Oder, mit nur ein paar Schmetterlingen im Bauch, den eigenen Namen in die Google-Suchmaschine eingegeben, um zu sehen, was dabei herauskommt.
Bequeme Überwachung Viele Jugendliche jedoch empfinden bei einer Google-Suche nicht den gleichen Druck wie ihre Eltern. Sie sind mit ‚Google’ als Spielkameraden aufgewachsen und scheinen mit der Offenheit des öffentlichen Lebens viel gelassener umzugehen. Sie nehmen sogar eifrig daran teil und teilen aktiv private Gedanken und Bilder im online Social-Networking-Kreis, wobei sie sich der Tatsache sehr wohl bewusst sind, dass die ganze Welt vielleicht zuschaut.
Der dänische Forscher Anders Albrecthslund von der Universität Aalborg erklärt dies in einem Interview für die Universitätswebsite folgendermaßen: „Jugendliche benutzen das online Social-Networking, wie zum Beispiel MySpace, um miteinander zu kommunizieren. Es handelt sich um einen wichtigen Teil ihres Lebens und obwohl sie wissen, dass eine gewisse Anzahl anonymer Personen ihren Aktivitäten folgen kann, sehen sie dies nicht als Überwachung im Orwellschen Sinne. Es ist jedoch anders, wenn sie erleben, wie etwas, was sie geschrieben haben, aus seinem ursprünglichen Kontext gezogen und in einem anderen Zusammenhang benutzt wird. Wie alle anderen Generationen widersetzen auch sie sich heftig einer Big-Brother-Gesellschaft – wie etwa die frühere DDR.“
Identität in einem öffentlichen Puzzle Ein Kampf ist entbrannt um zu sehen, zu zeigen oder derjenige zu sein, auf den die Blicke sich richten. Wie der französische Philosoph Michel Foucault einmal behauptete und mit seiner Metapher zur Überwachungsgesellschaft, dem „Panoptikum Turm“, illustrierte, ist es manchmal angenehmer, der Zuschauer zu sein als derjenige, der beobachtet wird. In einem System der Darsteller und Ausführende zu sein ist immer angenehmer als das Objekt zu sein; derjenige, dem die Handlung gilt.
Auf Social-Networking-Sites verbringen Kinder und Jugendliche sowie nach und nach auch viele Erwachsene Stunden damit, ihre Online-Rolle zu gestalten, um den anderen aktiv zu „zeigen“ wer sie sind, oder verbringen Stunden damit, die Profile anderer Leute zu betrachten, andere „anzuschauen“. Nach und nach wird das, was wir für persönlich hielten – tägliche Gedanken (die so genannten „blurps“), Träume, Interessen sowie unsere sexuelle Orientierung, d.h. unsere Identität – in den öffentlichen Bereich des Internets integriert. Vielleicht scheint es uns eines der Teile des öffentlichen Puzzles zu sein. Viele Jugendliche scheinen das auf jeden Fall zu glauben.
Neue Kommunikationstechnologien bieten uns die Mittel, um zu kommunizieren und zu handeln. Sie beeinflussen jedoch vor allem die Art, wie wir die Welt um uns herum aufbauen. Allmählich verschmelzen Situationen und Handlungen, die wir früher als persönlich ansahen, mit dem öffentlichen Bereich. Die Tatsache, dass die Welt online ist und unsere täglichen Handlungen vielleicht aufgezeichnet und einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden können, lässt uns vielleicht sorgfältiger über unser Verhalten nachdenken. Denn wer will schon wegen einer Dummheit auf YouTube landen? ….wenn nicht der sechzehnjährige Sohn Ihres Nachbarn...
Gry Hasselbalch, Medienrat für Kinder und Jugendliche
| veröffentlicht: |
Tuesday, 30 Oct 2007 |
| Letzte Änderung: |
Monday, 26 Nov 2007 |
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